< zurück zur Übersicht Pilzportraits

Boletus reticulatus (Sommersteinpilz)

Während viele Hobbysammler noch geduldig auf den Herbst warten, zieht es Pilzkenner schon viel früher hinaus. In besonders warmen Jahren zeigt sich der Sommersteinpilz mitunter bereits Ende Mai (im Jahr 2024 konnte ich am 18. Mai die ersten Exemplare finden!). In seiner Hauptsaison zwischen Juni und August ist er regelmäßig in warmen, lichten Eichen- und Buchenwäldern anzutreffen – meist bemerkenswert standorttreu. Selbst in Gärten und Parkanlagen wurden Funde gemacht. Boletus reticulatus bevorzugt eher neutrale bis etwas kalkreiche Standorte, kommt jedoch auch auf sauren Böden vor.

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass allein ein heftiges Gewitter mit 40 l/m² sofort die Pilze aus dem Boden sprießen lässt. Für die Bildung von Fruchtkörpern braucht das Myzel vor allem kontinuierliche Niederschläge über mehrere Tage hinweg. Fehlt der Regen, bleibt die Art im Sommer ein Phantom – es sei denn, ein milder Herbst schenkt uns noch einen goldenen Oktober.

Das Erscheinungsbild des Sommersteinpilzes ist in der Regel „sektkorkenartig“ stämmig und von einem hellen bis leicht bräunlichen Netz überzogen, das sich häufig deutlich bis zur Stielmitte hinabzieht. Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal zum herbstlichen Fichtensteinpilz (Boletus edulis) ist die Huthaut: Diese ist beim Sommersteinpilz feinsamtig-matt und neigt typischerweise dazu, bei großer Hitze aufzureißen. Die Art ist also einfach zu erkennen, auch wenn sie gelegentlich mit anderen Steinpilzen oder dem ungenießbaren, bitteren Gallenröhrling (Tylopilus felleus) verwechselt wird. 

Um sicherzugehen, lohnt sich ein genauer Blick auf die Details dieses Doppelgängers: Der „Bitterling“ besitzt ein deutlich dunkleres, grobmaschigeres Stielnetz, das sich stark vom hellen Netz des Steinpilzes abhebt. Die Röhrenschicht ragt oft etwas über den Hutrand hinaus. Im Gegensatz zu der gelb-grünlichen Fruchtschicht bei Steinpilzen färbt sie sich hier mit zunehmendem Alter deutlich rosa. Im Zweifelsfall kann eine kleine Geschmacksprobe (bitte wieder ausspucken!) den bitteren Gallenröhrling schnell entlarven.


Häufig und leicht kenntlich – wo ist hier also nun der Haken an der Sache? Immer wieder zeigt sich, dass der Lebenszyklus des Sommersteinpilzes im Sommer extrem kurz ist. Die Fruchtkörper vergehen innerhalb weniger Tage und sind durch die Wärme häufig stark madig.


Dennoch lässt sich festhalten: Der Sommeraspekt ist nicht zu unterschätzen! Viele verwandte Röhrlinge haben jetzt ihre Hochglanzzeit. Wer mit offenen Augen durch den Sommerwald geht, findet neben dem Sommersteinpilz nicht selten auch andere Frühstarter wie die verschiedenen Hexenröhrlinge oder mit etwas Glück auch die prachtvollen gelbfleischigen Dickröhrlinge, die geschützten „Butyriboleten“.

Stand Februar 2026. Copyright (C) 2026 Pilzfreunde Mainfranken. Text und Fotos: Tobias Knorr